Plastikflasche mit BPA-frei-Etikett neben Konservendose und Kassenbon, Symbol für die unsichere Substitution durch BPF und BPS

BPA-frei heißt nicht sicher: BPF und BPS, die unbekannten Ersatzstoffe

Aus aktuellem Anlass dieser Beitrag, kurz und ohne Umschweife.

Am 20. Juli 2026 tritt in der EU das umfassende Verbot von Bisphenol A in Lebensmittelkontaktmaterialien in Kraft. Konservendosen, Trinkflaschen, Beschichtungen, Klebstoffe, alles wird umgestellt. In den Regalen wird in den nächsten Wochen und Monaten überall “BPA-frei” stehen. Was kaum jemand sagt: Das, was an der Stelle von BPA in den Produkten ist, heißt BPF oder BPS, ist chemisch praktisch derselbe Stoff in leicht abgewandelter Form, und es gibt gute Gründe anzunehmen, dass es nicht weniger schädlich ist. Nur ist es noch schlechter erforscht. Und genau das macht die Sache gefährlich.

Wer dieses Thema bisher nicht auf dem Schirm hatte, muss kurz zwei Dinge wissen: Was ist BPA, und warum wird es jetzt erst verboten?

Was ist BPA und was macht es im Körper?

Bisphenol A, abgekürzt BPA, ist eine Industriechemikalie, die seit den 1950er Jahren in Massenprodukten steckt. Chemisch gesehen sind es zwei Phenol-Ringe, verbunden über einen zentralen Kohlenstoff mit zwei Methylgruppen. Diese Struktur ist es, die BPA in Plastik (besonders Polycarbonat) und in Epoxidharzen so brauchbar macht: stabil, hitzebeständig, transparent. Deshalb war BPA jahrzehntelang in Babyflaschen, Trinkflaschen, Konservendosen-Innenbeschichtung, Kassenbons, Zahnfüllungen und Tausenden weiterer Produkte.

Das Problem ist, dass dieselbe Struktur, die BPA für die Industrie attraktiv macht, ihn im Körper als Hormon-Imitat funktionieren lässt. BPA bindet an Östrogen-Rezeptoren, an Androgen-Rezeptoren und an Schilddrüsenhormon-Rezeptoren und stört das endokrine System. In der Toxikologie nennt man das einen endokrinen Disruptor. Studien bringen BPA mit reduzierter Spermienqualität (Lassen et al., Environmental Health Perspectives, 2014), polyzystischem Ovarialsyndrom (Kandaraki et al., Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism, 2011) und Typ-2-Diabetes (Lang et al., JAMA, 2008) in Verbindung. Auch Brustkrebs-Risiko, Verhaltensauffälligkeiten bei pränatal exponierten Kindern und Stoffwechselstörungen werden seit Jahren intensiv diskutiert.

Im April 2023 hat die EFSA, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, in einem neuen Gutachten (EFSA Journal 2023;21(4):6857) die tolerierbare tägliche Aufnahme von BPA von 4 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht auf 0,2 Nanogramm gesenkt. Das ist eine Verschärfung um den Faktor 20.000. Auslöser war eine Wirkung auf das Immunsystem, die TH17-Zellen werden bereits bei winzigen Mengen erhöht. Praktische Konsequenz: Die durchschnittliche Aufnahme der EU-Bevölkerung liegt um Größenordnungen über diesem neuen Grenzwert. Daraus folgte das Verbot in Lebensmittelkontaktmaterialien, festgehalten in Verordnung (EU) 2024/3190 vom 19. Dezember 2024, mit Übergangsfrist bis Mitte 2026.

Soweit die offizielle Geschichte. Die wäre eine Erfolgsmeldung, wenn die Industrie das Problem an der Wurzel angehen würde. Tut sie aber nicht.

BPF und BPS: zwei Buchstaben Unterschied, dieselbe Wirkung

Was passiert in der Industrie, wenn ein Stoff wie BPA aus dem Markt fällt? Der billigste, schnellste Weg ist, einen chemisch ähnlichen Stoff einzusetzen, der die gleiche technische Funktion erfüllt. Bei Bisphenol A heißt das: man tauscht die zentrale Brücke zwischen den beiden Phenol-Ringen aus.

Bisphenol F (BPF), chemisch 4,4-Methylenbisphenol, hat statt des Kohlenstoffs mit zwei Methylgruppen einfach nur eine CH2-Brücke. Eine Methylgruppe weniger, sonst nichts. Die beiden phenolischen Hydroxylgruppen, die für die hormonelle Aktivität zuständig sind, bleiben unverändert.

Bisphenol S (BPS), chemisch 4,4-Sulfonyldiphenol, ersetzt die Kohlenstoff-Brücke durch eine Sulfonyl-Gruppe (Schwefel mit zwei Sauerstoffen). BPS ist hitzestabiler als BPA, was es zum bevorzugten Ersatzstoff im Thermopapier macht (Kassenbons), seit BPA dort 2020 EU-weit verboten wurde.

Was man aus dieser einfachen chemischen Beschreibung schon ahnen kann: Wenn die hormonell aktiven Strukturteile (die Phenol-Ringe mit den Hydroxylgruppen) gleich bleiben, ist auch die hormonelle Wirkung im Körper voraussichtlich gleich. Genau das hat die Forschung bestätigt.

Die zentrale Übersichtsarbeit dazu stammt von Johanna Rochester und Ashley Bolden, veröffentlicht 2015 in Environmental Health Perspectives unter dem Titel “Bisphenol S and F: A Systematic Review and Comparison of the Hormonal Activity of Bisphenol A Substitutes”. Die Autorinnen werteten über 30 Studien aus und kamen zu einem klaren Ergebnis: BPS und BPF zeigen hormonelle Aktivität in derselben Größenordnung wie BPA. Östrogene Wirkung, androgene Wirkung, Schilddrüsenrezeptor-Aktivität, alles vergleichbar.

In manchen Tests sind sie sogar potenter. Eine Studie von Kinch und Kollegen an der University of Calgary (PNAS, 2015) zeigte, dass BPS bei Zebrafisch-Embryos Effekte auf die Hirnentwicklung bereits bei niedrigeren Dosen auslöste als BPA. Eladak und Kollegen publizierten im selben Jahr in Fertility and Sterility den Befund, dass BPS und BPF die fetale Hodenentwicklung in humanen Zellkulturen genauso stören wie BPA. Vinas und Watson zeigten in Environmental Health Perspectives 2013, dass BPS schon im picomolaren Bereich östrogen-aktiv ist, also bei winzigsten Mengen.

Die ECHA, die Europäische Chemikalienagentur, hat BPS 2021 auf die Kandidatenliste der besonders besorgniserregenden Stoffe (SVHC) gesetzt, mit der Begründung der reproduktionstoxischen Eigenschaften. Sie weiß also Bescheid. Trotzdem läuft BPS weiter durch praktisch jede Kasse Europas.

Wo das im Alltag steckt

Damit niemand denkt, das sei ein abstraktes Problem: BPF und BPS sind heute, während ich diesen Beitrag schreibe, Teil deines Alltags. Eine Studie von Liao und Kannan (Journal of Agricultural and Food Chemistry, 2013) wies BPS und andere Bisphenol-Analoga in einer breiten Palette US-amerikanischer Lebensmittel nach, darunter Konserven, Backwaren und Getränke.

Konkrete Produktkategorien:

  • Thermopapier: BPS dominiert seit dem EU-weiten BPA-Verbot in Kassenbons (2020). Jeder Kassenbon, den du bekommst, ist statistisch hochwahrscheinlich BPS-haltig. Die Aufnahme erfolgt über die Haut, besonders schnell wenn die Haut feucht oder fettig ist (Hormann et al., PLOS ONE, 2014).
  • Konservendosen-Innenbeschichtung: Beide Stoffe ersetzen BPA in Epoxidharz-Lacken.
  • “BPA-frei”-Plastikartikel: Babyflaschen, Trinkflaschen, Mehrwegbehälter. Wenn da nicht Glas oder Edelstahl drin ist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein anderes Bisphenol arbeitet.
  • Lebensmittelverpackungen mit Beschichtung, beschichtete Pappbecher, To-Go-Verpackungen.
  • Zahnkomposite: Dentalkunststoffe basieren oft auf Bis-GMA, dem Glycidylmethacrylat-Derivat von BPA. Bei BPF gibt es Bis-F-GMA als Variante. Spurenfreisetzung durch Hydrolyse ist nachgewiesen, klinische Relevanz wird kontrovers diskutiert. Wer mehr dazu lesen will, findet das im Beitrag über Amalgam, der die zahnärztliche Materialfrage breiter behandelt.

Das Muster nennt sich “Regrettable Substitution”

In der Toxikologie gibt es einen Fachbegriff für das, was hier passiert: regrettable substitution, zu Deutsch etwa “bedauerliche Substitution”. Damit ist gemeint, dass eine regulierte Schadstoffsubstanz durch einen strukturell ähnlichen Stoff ersetzt wird, der später ähnliche oder schlimmere Eigenschaften zeigt, weil er nicht ausreichend geprüft wurde, bevor er auf den Markt kam.

Der BPA-zu-BPS/BPF-Wechsel ist das Lehrbuch-Beispiel für dieses Phänomen. Es ist nicht das einzige. PFOA und PFOS, zwei besonders persistente Industriechemikalien, wurden durch kürzerkettige PFAS wie GenX ersetzt. Inzwischen weiß man, dass GenX das Wasser auf seine Weise versaut, und das nächste Verbot ist in Vorbereitung. Bei den Phthalaten dasselbe Muster, bei bromierten Flammschutzmitteln dasselbe Muster.

Das Problem ist systemisch. Die EU-Chemikalienverordnung REACH prüft Stoffe einzeln, nicht als Stoffgruppe. Wer einen verbotenen Stoff durch sein Strukturanalogon ersetzt, kann das oft mit minimalen Daten tun. Erst seit 2021 verfolgt die ECHA einen sogenannten “Group Approach”, der Bisphenole als Stoffgruppe gemeinsam betrachtet. Genau diese späte Einsicht hat dazu geführt, dass die neue Verordnung 2024/3190 explizit auch “strukturähnliche Bisphenole” mit gefahrenrelevanten Eigenschaften erfasst. Das ist ein wichtiger Schritt, kommt aber zu spät, denn BPF und BPS sind seit Jahren auf dem Markt.

Mich ärgert das, ehrlich gesagt. Wer zwanzig Jahre lang weiß, dass eine Stoffklasse hormonell aktiv ist, und trotzdem zulässt, dass sie durch chemisch fast identische Stoffe ersetzt wird, der versteht den Begriff “Vorsorgeprinzip” nicht oder will ihn nicht verstehen. Die Industrie weiß genau, dass eine Methylgruppe weniger oder eine Sulfonyl-Brücke statt Kohlenstoff am hormonellen Verhalten kaum etwas ändert. Sie ersetzt einen verbotenen Stoff durch den nächsten, weil das billiger ist als die ganze Produktionsstrategie umzustellen. Und der Verbraucher steht vor einem Regal voller “BPA-frei”-Aufschriften und glaubt, sicher zu sein.

Was “BPA-frei” wirklich bedeutet

Hier kommt der unbequeme Satz: Das “BPA-frei”-Etikett auf einem Produkt sagt rechtlich gar nichts aus, außer dass kein Bisphenol A drin ist. Womit es ersetzt wurde, ist nicht angegeben. Es kann BPF sein, BPS, BPAF, BPB, BPC oder einer von etwa 40 anderen Bisphenol-Analoga, die alle nicht reguliert sind und mit denen die Industrie technisch praktisch dasselbe machen kann.

Der Begriff “BPA-frei” ist Marketing. Er suggeriert Sicherheit, ohne sie zu liefern. Wer auf Nummer sicher gehen will, muss am Material ansetzen, nicht am Etikett.

Konkret: Was ich dir empfehle

Ich bin keine Toxikologin. Aber ich beschäftige mich mit dem Thema seit Jahren, und in meiner Praxis sehe ich Menschen mit hormonellen Beschwerden, mit Schilddrüsenproblemen, mit Erschöpfung, mit Zyklusstörungen, bei denen der Verdacht auf endokrine Disruptoren in der Umwelt zumindest zur Differentialdiagnose gehört. In den meisten Fällen können wir die Belastung nicht messen, aber wir können sie reduzieren.

Praktische Punkte:

  1. Glas, Edelstahl, unbeschichtete Keramik sind die Materialien der Wahl für alles, was mit Lebensmitteln Kontakt hat. Das gilt für Trinkflaschen, Vorratsdosen, Babyflaschen, Lunchbox.
  2. Konserven reduzieren. Frisch oder tiefgekühlt sind besser, Glaskonserven oder Tetrapak akzeptabel. Vor allem säurehaltige oder fetthaltige Konserven (Tomatensoße, Thunfisch in Öl) lösen besonders viel Bisphenol aus der Beschichtung.
  3. Plastik nicht in der Mikrowelle erhitzen. Hitze und Fett erhöhen die Migration aus Beschichtungen drastisch. Wenn schon Plastik, dann kalt und nur kurz.
  4. Alte, zerkratzte Plastikbehälter aussortieren. Beschädigtes Plastik gibt mehr Bisphenole ab. Auch wenn er noch dicht ist, gehört der zerkratzte Tupperware-Behälter in den Müll.
  5. Kassenbons mit Vorsicht behandeln. Nach Bonkontakt Hände waschen vor dem Essen. Bons nicht im Geldbeutel zwischen Lebensmitteln aufbewahren. Wer kann, lässt sich Bons digital schicken oder verzichtet ganz.
  6. Das BPA-frei-Etikett ignorieren. Es sagt nichts darüber aus, woraus die Verpackung tatsächlich besteht.
  7. Für Eltern: Bei Babyflaschen und Beißringen konsequent auf Glas, Edelstahl oder lebensmittelechtes Silikon ausweichen. Kinder und Embryos sind die empfindlichste Gruppe, weil das Hormonsystem in der Entwicklung am stärksten gestört werden kann.

Wer Östrogen-Themen tiefer verstehen will, findet das im Beitrag über Östrogen-Dominanz. Wer wissen will, wie sich Schilddrüsenstörungen und endokrine Disruptoren überlappen, dem empfehle ich den Schilddrüsen-Beitrag und den Hashimoto-Artikel.

Cui bono

Eine letzte ehrliche Bemerkung. Die Industrie, die heute BPF und BPS produziert, ist in vielen Fällen dieselbe, die jahrzehntelang BPA produziert hat. Die Ersatzstoffe sind kein Akt der Reue, sondern eine ökonomische Reaktion auf Regulierung. Solange die Aufmerksamkeit der Verbraucher auf BPA fokussiert ist, kann man mit “BPA-frei” jede beliebige andere Bisphenol-Variante einsetzen und den Verbraucher in Sicherheit wiegen.

Das wird sich nur ändern, wenn die Regulierung ganze Stoffgruppen erfasst (was die EU jetzt langsam beginnt) und wenn die Verbraucher anfangen, Marketing-Etiketten kritisch zu lesen. Das zweite ist der Hebel, den jeder selbst in der Hand hat.


Wenn du Beschwerden hast, die du auf hormonelles Ungleichgewicht oder chronische Schadstoffbelastung zurückführst, lass uns sprechen.

Ich kann dir keine Diagnose stellen. Aber ich kann mit dir zusammen schauen, was in deinem Alltag an Belastungen reduzierbar wäre und wie dein Körper besser regenerieren kann.


Meine Zusammenfassung

Ab Mitte 2026 wird “BPA-frei” überall draufstehen, und die meisten Menschen werden glauben, dass damit ein Problem gelöst ist. Es ist keins gelöst, es ist nur unter ein anderes Etikett verschoben worden. BPF und BPS sind chemisch so eng mit BPA verwandt, dass die hormonelle Wirkung im Körper im Wesentlichen dieselbe ist. Was fehlt, sind Langzeitstudien beim Menschen, weil die Substitution begonnen hat, bevor die Forschung sie einholen konnte.

Wer das verstanden hat, hat zwei Optionen. Entweder weiter glauben, was auf der Verpackung steht. Oder anfangen, jede Verpackung mit derselben Skepsis zu lesen wie andere Werbeversprechen. Glas funktioniert seit zweitausend Jahren ohne hormonelle Nebenwirkungen. Edelstahl auch. Alles andere ist eine Wette darauf, dass die Industrie diesmal ehrlicher ist als beim letzten Mal.

Ich glaube nicht an diese Wette.

Häufige Fragen

Was ist BPA und warum wird es verboten?

BPA, kurz für Bisphenol A, ist eine Industriechemikalie, die seit den 1950ern in Plastik (Polycarbonat) und Epoxidharzen verwendet wird. Sie steckt in Konservendosen, Plastikflaschen, Kassenbons und vielen anderen Alltagsprodukten. BPA ist ein endokriner Disruptor, das heißt, es ahmt das weibliche Hormon Östrogen nach und stört das Hormonsystem. Die EFSA hat 2023 die tolerierbare tägliche Aufnahme um den Faktor 20.000 gesenkt, weil bereits winzige Mengen das Immunsystem verändern. Das EU-Verbot in Lebensmittelkontaktmaterialien greift Mitte 2026.

Was sind BPF und BPS?

BPF (Bisphenol F, chemisch 4,4-Methylenbisphenol) und BPS (Bisphenol S, 4,4-Sulfonyldiphenol) sind chemische Verwandte von BPA. Bei BPF ist die zentrale Brücke zwischen den beiden Phenol-Ringen eine einfache CH2-Gruppe statt der zwei Methylgruppen bei BPA. Bei BPS ist die Brücke eine Sulfonyl-Gruppe (SO2). Strukturell und funktional sind sie BPA so ähnlich, dass sie in vielen Anwendungen direkt eingesetzt werden können. Sie kommen in Thermopapier, Konservendosen-Innenbeschichtungen und in als BPA-frei beworbenen Plastikartikeln zum Einsatz.

Sind BPF und BPS weniger giftig als BPA?

Nein, vermutlich sogar gleich giftig oder schlimmer, nur deutlich schlechter erforscht. Eine systematische Übersicht von Rochester und Bolden (Environmental Health Perspectives, 2015) wertete über 30 Studien aus und kam zum Schluss, dass BPS und BPF in der gleichen Größenordnung hormonell aktiv sind wie BPA. Zebrafisch-Studien von Kinch et al. (PNAS, 2015) zeigten Effekte auf die Hirnentwicklung bereits bei niedrigeren Dosen als BPA. Trotzdem hat die Industrie die Substanzen großflächig als Ersatz eingesetzt, lange bevor die Toxizität ausreichend untersucht war.

Wo stecken BPF und BPS heute drin?

Überall dort, wo früher BPA war. BPS dominiert seit dem EU-Verbot 2020 das Thermopapier (Kassenbons, Tickets). Beide Stoffe finden sich in Konservendosen-Beschichtungen, in als BPA-frei beworbenen Plastikflaschen, Babyflaschen, Lebensmittelverpackungen, Klebstoffen und Lacken. Eine Studie von Liao und Kannan (Journal of Agricultural and Food Chemistry, 2013) wies BPS und andere Bisphenol-Analoga in einem breiten Spektrum von US-Lebensmitteln nach.

Was bedeutet das BPA-frei-Etikett wirklich?

Rechtlich: nichts. Der Begriff BPA-frei ist in der EU nicht reguliert. Er sagt nur aus, dass kein Bisphenol A enthalten ist, gibt aber keinerlei Auskunft darüber, womit es ersetzt wurde. Häufig sind das BPF, BPS, BPAF oder andere strukturanaloge Bisphenole, die ähnliche oder unbekannte hormonelle Wirkungen haben können. Das Etikett wirkt deshalb wie ein Sicherheitsversprechen, ist aber faktisch ein Marketinginstrument.

Welche gesundheitlichen Folgen sind belegt?

Für BPA gut belegt: hormonelle Disruption mit Wirkung auf Östrogen-, Androgen- und Schilddrüsenrezeptoren. Studien zeigen Zusammenhänge mit reduzierter Spermienqualität (Lassen et al., Environmental Health Perspectives, 2014), polyzystischem Ovarialsyndrom (Kandaraki et al., Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism, 2011) und Typ-2-Diabetes (Lang et al., JAMA, 2008). Für BPS und BPF ist die Datenlage dünner, die bisherigen Befunde aber qualitativ ähnlich. Die fetale Hodenentwicklung wird laut Eladak et al. (Fertility and Sterility, 2015) durch alle drei Bisphenole gleichermaßen gestört.

Wie kann ich mich praktisch schützen?

Konsequent Glas, Edelstahl und unbeschichtete Keramik bevorzugen. Konserven reduzieren, frische oder tiefgekühlte Lebensmittel wählen oder Glaskonserven nehmen. Plastikbehälter nicht in der Mikrowelle erhitzen und alte, zerkratzte Behälter aussortieren, weil sich die Migration mit der Beschädigung erhöht. Kassenbons möglichst nicht lange in der Hand halten, vor dem Essen Hände waschen, keine Bons im Geldbeutel zwischen Lebensmitteln aufbewahren. Das BPA-frei-Etikett ignorieren und auf das Material schauen, nicht auf die Werbung.