Darstellung des Innenohrs

Kristalle im Ohr – Wenn dein Gleichgewicht aus dem Takt gerät

Stell dir vor, du drehst dich im Bett um – und plötzlich dreht sich die ganze Welt mit. Die Decke wird zum Boden. Der Raum kippt. Dein Magen rebelliert. Übelkeit steigt hoch. Und du denkst: „Was ist gerade passiert?”

Willkommen in der Welt des benignen paroxysmalen Lagerungsschwindels (BPLS) – oder einfacher gesagt: der Welt der „Kristalle im Ohr”.

Jedes Jahr leiden etwa 4 Millionen Erwachsene an Störungen, die auf diese winzigen Kristalle im Ohr zurückzuführen sind. Bis zum 70. Lebensjahr wird durchschnittlich jeder Dritte einmal mit dieser Art des Schwindels konfrontiert worden sein.

Die gute Nachricht? Es ist gutartig. Die schlechte? Es ist verdammt unangenehm.

Lass mich dir erklären, was da in deinem Ohr passiert – und wie du es wieder in den Griff bekommst.

Was sind diese „Kristalle im Ohr” überhaupt?

Die medizinisch korrekte Bezeichnung lautet Otolithen oder Otokonien – auch liebevoll „Ohrsteinchen” oder „Gehörsteinchen” genannt.

Diese Kristalle bestehen aus Calciumcarbonat (CaCO3) und sind mikroskopisch klein: zwischen 3 und 19 Mikrometer lang. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar ist etwa 70 Mikrometer dick.

Wo befinden sie sich?

Die Otolithen befinden sich im Vestibularapparat des Innenohr. Dort liegen sie auf einer gelartigen Membran, der sogenannten Otolithenmembran, und sind fest mit winzigen Sinneshärchen verbunden.

Wozu sind sie da?

Ihre Aufgabe ist genial: Wenn du deinen Kopf bewegst, bewegt sich die Otolithenmembran, und in der Folge bewegen sich auch die Sinneshärchen. Sie werden umgebogen, es entsteht ein Reiz, und die Information über die Bewegung wird an das Gehirn weitergeleitet.

Kurz gesagt: Die Kristalle helfen dir, dein Gleichgewicht zu halten.

Was passiert, wenn die Kristalle verrutschen?

Normalerweise bleiben die Otolithen schön brav auf ihrer Membran fixiert. Aber manchmal – aus verschiedenen Gründen – lösen sie sich.

Und dann beginnt das Problem.

Statt auf der Otolithenmembran fixiert zu bleiben, wandern die Kristalle durch die Bogengänge im Ohr. Diese Bogengänge sind mit Flüssigkeit gefüllt und für die Wahrnehmung von Drehbewegungen zuständig.

Das Ergebnis?

Die Kristalle reizen die Rezeptoren für die Kopfbeschleunigung und vermitteln den falschen Eindruck, dass sich die Umgebung dreht. Dein Gehirn bekommt widersprüchliche Signale:

  • Deine Augen sagen: „Alles steht still.”
  • Deine Füße sagen: „Wir stehen fest auf dem Boden.”
  • Aber dein Innenohr schreit: „Wir drehen uns!”

Und genau diese Diskrepanz löst den Schwindel aus.

Die rechte Seite ist häufiger betroffen als die linke (Verhältnis 1,4:1).

Warum lösen sich die Kristalle überhaupt?

Bei den meisten Betroffenen ist nicht bekannt, warum sich die Kristalle aus der Membran lösen. Das nennt man dann idiopathischen BPLS – also „aus unbekannter Ursache”.

Aber es gibt auch bekannte Auslöser:

1. Normaler Alterungsprozess

Studien legen nahe, dass das Ablösen von Otokonien Teil des normalen Alterungsprozesses ist. Abgelöste Otokonien können bei vielen Menschen und sogar bereits bei Kindern nachgewiesen werden, ohne dass sie unter Schwindel leiden.

Das Ablösen von Otokonien scheint sich mit zunehmendem Alter zu verstärken – daher tritt der Lagerungsschwindel häufig bei Menschen zwischen 50 und 70 Jahren auf. Frauen sind wieder mal zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer, was vermutlich auf den häufiger auftretenden Risikofaktor Osteoporose zurückzuführen ist.

2. Verletzungen

  • Schleudertrauma
  • Schädel-Hirn-Trauma
  • Starke Erschütterungen durch Verkehrs- oder Sportunfälle

3. Entzündungen

  • Entzündung des Innenohrs oder des Gleichgewichtsorgans
  • Herpes Zoster Oticus (Entzündung des Ohres durch Herpes-Zoster-Viren)

4. Andere Erkrankungen

  • Morbus Menière und Migräne stellen Risikofaktoren dar
  • Osteoporose
  • Vitamin-D-Mangel scheint ein Risikofaktor für das wiederholte Auftreten der Beschwerden zu sein

5. Nach Innenohroperationen

Manchmal lösen sich Kristalle auch nach operativen Eingriffen am Innenohr. Einige Studien deuten sogar auf einen Zusammenhang zwischen BPLS und zahnärztlichen Eingriffen hin.

Wie fühlt sich Lagerungsschwindel an?

Das Leitsymptom ist der sogenannte Lagerungsschwindel – kurze (unter 1 Minute) und meist äußerst heftige Drehschwindelattacken, die oft von Übelkeit und Erbrechen begleitet werden.

Typische Auslöser:

  • Umdrehen im Bett
  • Morgendliches Aufstehen
  • Hinlegen
  • Hochschauen (z. B. in ein Regal greifen)
  • Kopf schnell zur Seite drehen
  • Kopf nach vorne beugen

Wichtig: Der Schwindel tritt nur bei Bewegung auf. Hältst du deinen Kopf ruhig – egal in welcher Position – klingen die Beschwerden wieder ab.

Was unterscheidet Lagerungsschwindel von anderen Schwindel-Arten?

  • Dauer: Nur wenige Sekunden bis maximal 1 Minute
  • Auslöser: Immer durch Kopfbewegungen oder Lageveränderungen
  • Kein Schwarzwerden vor den Augen oder Bewusstseinsverlust
  • Keine Schmerzen
  • Nach einer Latenz von 2–10 Sekunden setzt der Schwindel ein (nicht sofort!)

Die Schwindelanfälle können mehrere Wochen lang häufig auftreten und dann wieder verschwinden. Nach einigen Monaten können sie erneut auftreten. Der gutartige Lagerungsschwindel tritt bei 30–50 % der Patienten innerhalb von zwei Jahren erneut auf.

Wie wird Lagerungsschwindel diagnostiziert?

Die Diagnose ist eine klinische Diagnose – das heißt, der Arzt stellt sie durch gezielte Untersuchungen, nicht durch Bluttests oder Bildgebung.

Der Dix-Hallpike-Test

Das ist der klassische Test. Der Arzt wird deinen Kopf in verschiedene Positionen bringen – sogenannte Lagerungsproben. Dadurch werden die Kristalle im Bogengang in Bewegung gesetzt.

Was passiert dabei?

Während sich die Kristalle mit der Schwerkraft bewegen, wird die Flüssigkeit mitbewegt. Dadurch werden die Rezeptoren im Bogengang aktiviert, sodass sich deine Augen schnell bewegen (Nystagmus) und du das Gefühl hast, als ob du dich drehst.

Die Richtung deiner Augenbewegungen dient als Anhaltspunkt, um zu diagnostizieren, in welchem Ohr und in welchem Bogengang sich die Kristalle befinden.

Die Sensitivität des Dix-Hallpike-Manövers wird mit rund 80 % angegeben – ein negativer Test schließt also einen BPLS nicht aus.

Die Behandlung: Einfacher als du denkst

Hier kommt die wirklich gute Nachricht: Der gutartige Lagerungsschwindel ist mithilfe von Lagerungsmanövern sehr gut in den Griff zu bekommen.

Das primäre Ziel dieser Lagerungs- und Bewegungsübungen ist es, die frei in der Flüssigkeit des Innenohrs umherschwimmenden Kristallablagerungen (Otolithen) aus der Reichweite der gereizten Sensorzellen zu bewegen – und zurück an ihren Platz zu bringen.

Das Epley-Manöver

Das Epley-Manöver ist das bekannteste und wirksamste Lagerungsmanöver. Es wird von einem Arzt oder Physiotherapeuten durchgeführt.

So funktioniert es:

  1. Du sitzt aufrecht mit ausgestreckten Beinen auf einem Bett
  2. Dein Kopf wird um ca. 45° zur betroffenen Ohrenseite gedreht
  3. Du nimmst zügig die Rückenlage ein (der Kopf sollte in dieser Stellung überstreckt sein)
  4. Du wartest ca. 30 Sekunden (ja, der Schwindel wird kurz stärker!)
  5. Dein Kopf wird langsam zur gesunden Seite gedreht
  6. Du drehst deinen ganzen Körper auf die Seite
  7. Du richtest dich langsam wieder auf

Wichtig: Die Übungen lösen zunächst den Schwindel aus – das ist gewollt! Deshalb sollte das Training anfangs immer von einem Arzt, Physiotherapeuten oder im Beisein einer geschulten Person durchgeführt werden.

In der Regel klingen die Symptome bei regelmäßiger Durchführung der Manöver in kurzer Zeit vollständig ab. Die Behandlung von Lagerungsschwindel zeigt in den meisten Fällen bereits nach einer Sitzung schnelle Ergebnisse.

Das Semont-Manöver

Eine Alternative zum Epley-Manöver. Auch hier werden durch gezielte Kopf- und Körperbewegungen die Kristalle zurück an ihren Platz befördert.

Selbstbehandlung

Grundsätzlich besteht auch die Möglichkeit der Selbstbehandlung. Diese sollte jedoch erst nach gesicherter Diagnose durch einen Arzt erfolgen. Nur er kann sicher zwischen einem gutartigen Lagerungsschwindel und möglichen anderen Schwindelursachen unterscheiden.

Wichtig: Den Patienten sollte klargemacht werden, dass das bloße Vermeiden der Symptome zu einer Verlängerung der Krankheitsdauer führt. Das gezielte Auslösen der Symptome führt aber zu einer gewissen Gewöhnung und möglicherweise zu schnellerer Heilung.

Medikamente?

Medikamente gegen Übelkeit können Linderung verschaffen, beheben jedoch nicht die Ursache der verschobenen Kristalle. Sie sind also nur symptomatisch hilfreich, nicht ursächlich.

Was kannst du selbst tun?

Wenn du unter Lagerungsschwindel leidest:

1. Suche einen Arzt auf

Lass dich untersuchen und diagnostizieren. HNO-Ärzte, Neurologen oder auch gut geschulte Hausärzte können die Diagnose stellen und die Manöver durchführen.

2. Vermeide nicht die Auslöser

Das klingt paradox, aber: Wenn du die Bewegungen vermeidest, die den Schwindel auslösen, verlängerst du die Krankheitsdauer. Dein Körper braucht die Reize, um sich anzupassen.

3. Sturzgefahr beachten

Durch die plötzlichen Schwindelanfälle besteht erhöhte Sturzgefahr, insbesondere für ältere Personen. Dies erhöht das Risiko für Verletzungen. Sei vorsichtig beim Aufstehen, besonders nachts.

4. Vitamin D überprüfen

Ein Vitamin-D-Mangel scheint ein Risikofaktor für das wiederholte Auftreten der Beschwerden zu sein. Lass deinen Vitamin-D-Spiegel überprüfen und bei Bedarf supplementieren.

Wie lange dauert es, bis der Schwindel weg ist?

Der gutartige Lagerungsschwindel verschwindet auch ohne Behandlung meist nach wenigen Tagen und Wochen. Bei einigen Patienten treten jedoch längere Verläufe auf, teilweise über Monate oder sogar Jahre.

Deshalb: Eine frühzeitige Behandlung verkürzt die Dauer erheblich. In den meisten Fällen bringt bereits eine einzige Behandlungssitzung Linderung.

Unbehandelt kann BPLS jedoch zu wiederkehrenden Episoden führen und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

Meine Zusammenfassung

Der benigne paroxysmale Lagerungsschwindel ist eine der häufigsten Ursachen des vestibulären Schwindels beim Menschen. Er ist gutartig – aber äußerst unangenehm.

Die „Kristalle im Ohr” sind winzige Kalziumkarbonatkristalle, die sich aus ihrer normalen Position lösen und in die Bogengänge wandern. Dort senden sie falsche Signale an das Gehirn, was zu heftigem Drehschwindel, Übelkeit und Benommenheit führt.

Die gute Nachricht? Der Lagerungsschwindel ist behandelbar. Durch spezielle Lagerungsmanöver wie das Epley-Manöver können die Kristalle zurück an ihren Platz gebracht werden – oft schon nach einer einzigen Sitzung.

Wenn du unter plötzlichen Schwindelattacken leidest, die durch Kopfbewegungen ausgelöst werden:

  • Suche einen Arzt auf – HNO, Neurologe oder Hausarzt
  • Lass die Diagnose sichern – es gibt viele Ursachen für Schwindel
  • Mache die Lagerungsmanöver – sie sind einfach, schnell und wirksam
  • Vermeide nicht die Auslöser – Gewöhnung ist Teil der Heilung

Als Coach und Masseur erlebe ich oft, wie sehr körperliche Symptome Menschen verunsichern können. Gerade Schwindel löst Angst aus – die Angst vor Kontrollverlust, die Angst zu stürzen, die Angst, dass etwas Ernstes dahintersteckt.

Wenn du Fragen hast oder Unterstützung brauchst – lass uns sprechen. Buche dir einen Termin oder schreib mir einfach. Gemeinsam finden wir heraus, was dein Körper braucht, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Hast du schon mal Lagerungsschwindel gehabt? Wie bist du damit umgegangen? Ich bin gespannt auf deine Gedanken – schreib mir gerne!