ADHS und hochsensibel zugleich - der stille Widerspruch in dir
Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du brauchst ständig Bewegung und Neues - und hältst gleichzeitig kaum etwas davon aus. Du startest fünf Dinge mit echter Begeisterung und brichst in derselben Woche zusammen. Nach einem lauten Abend kommst du tagelang nicht zur Ruhe, aber sobald es wirklich still wird, fühlst du dich leer. Solchen Menschen begegne ich in meinem Studio und im Coaching immer wieder - Menschen, die alles auf einmal sind und sich selbst dabei nicht verstehen.
Diese Menschen haben oft beides: ADHS und Hochsensibilität. Und das ist ein innerer Widerspruch, der so leise wirkt, dass kaum jemand ihn versteht. Auch sie selbst nicht.
In Teil 1 zu ADHS habe ich darüber geschrieben, was ADHS wirklich ist und warum es heute so oft diagnostiziert wird. In der HSP-Reihe ging es um das hochsensible Nervensystem und seine Eigenheiten. Und im Beitrag über ADHS und Hochsensibilität habe ich erklärt, warum beide so leicht verwechselt werden - obwohl sie im Kern unterschiedlich sind.
Aber heute soll es um etwas anderes gehen. Um die Menschen, bei denen es eben kein Entweder-Oder ist. Sondern ein Sowohl-Als-Auch. Und das ändert alles.
Wenn zwei Nervensysteme in einem Körper wohnen
Stell dir das so vor: Dein Gehirn sucht ständig nach Reizen, weil die innere Belohnungs-Chemie eher schwach feuert. Du brauchst Bewegung, Stimulation, Neues - sonst entsteht eine Art innere Leere, die unangenehm wird. Das ist die ADHS-Seite.
Gleichzeitig nimmt dein Nervensystem jeden einzelnen Reiz tief und intensiv wahr. Geräusche, Stimmungen anderer Menschen, das Licht, die Atmosphäre eines Raumes. Du verarbeitest alles gründlich, manchmal tagelang nach. Das ist die HSP-Seite.
Und jetzt stell dir diese beiden Systeme in einem Körper vor. Du suchst Reize, weil du sie brauchst. Und du leidest unter Reizen, weil du sie zu intensiv aufnimmst. Du gehst auf das Konzert, das dich anzieht, und musst nach einer halben Stunde raus, weil dein System überflutet ist. Du fängst einen Hund an zu lieben, weil du Bewegung im Leben brauchst, und liegst gleichzeitig wach, weil du seine Krankheit aus zwei Räumen Entfernung spürst.
Das ist nicht launisch. Das ist nicht “du weißt nicht, was du willst”. Das ist die echte, unkommentierte Realität von zwei Systemen, die parallel laufen und sich beide Energie holen.
Der innere Widerspruch im Alltag - konkret
Lass mich das anders sagen. Wenn du beides hast, kennst du wahrscheinlich diese Momente:
Du planst einen ruhigen Sonntag und stellst fest, dass dir nach drei Stunden langweilig ist. Du gehst raus, suchst Aktivität, kommst abends nach Hause und kannst nicht schlafen, weil dein Kopf nicht zur Ruhe kommt und dein Körper überreizt ist.
Du sagst Ja zu einem Abend mit Freunden, freust dich aufrichtig, und vor der Tür spürst du eine Erschöpfung, die du dir selbst nicht erklären kannst, weil es doch ein schöner Abend wird. Wird es dann auch. Und trotzdem brauchst du danach zwei Tage, um wieder bei dir zu sein.
Du startest neue Projekte mit echter Leidenschaft. Drei, vier, fünf gleichzeitig. Und du brichst zusammen, weil dich die offenen Stränge nicht nur kognitiv überfordern, sondern auch emotional. Jedes Projekt hat ein eigenes Gewicht, das du innerlich trägst.
Du brauchst tiefe Gespräche und merkst gleichzeitig, dass du gedanklich abdriftest, während dein Gegenüber spricht. Nicht weil es dich nicht interessiert. Sondern weil dein Kopf einfach nicht stehen bleibt.
Du fühlst dich oft falsch in deiner eigenen Haut. Zu viel und zu wenig gleichzeitig. Zu laut und zu leise.
Warum dich kaum jemand erkennt
Die meisten Menschen mit dieser Kombination werden nie richtig gesehen. Auch nicht von Therapeuten, Ärzten oder Coaches. Das hat mehrere Gründe.
Erstens: ADHS und HSP tarnen sich gegenseitig. Wenn jemand zur Diagnostik kommt mit Sprunghaftigkeit, Konzentrationsproblemen und Impulsivität, dann ist es ADHS - und Hochsensibilität wird nicht thematisiert. Wenn jemand kommt mit Erschöpfung, Empathie-Überlast und Reizüberflutung, dann wird Hochsensibilität gesehen - und das ADHS bleibt im Hintergrund. Niemand fragt nach der jeweils anderen Hälfte.
Zweitens: Diese Menschen funktionieren oft viel zu gut. Sie haben früh gelernt, sich anzupassen. Im Job, in Beziehungen, im Familiensystem. Sie wirken kompetent, einfühlsam, leistungsstark - und ihr inneres Chaos sieht niemand. Sie wissen oft selbst nicht, wie viel Energie das Funktionieren kostet, weil sie es seit der Kindheit so machen.
Drittens: Hochsensibilität ist keine klinische Diagnose. Die meisten Therapeuten lernen sie nicht im Studium. Sie kennen sie aus Sachbüchern oder gar nicht. Und damit fällt eine ganze Hälfte des Erlebens unter den Tisch.
So leben diese Menschen oft jahrzehntelang in einem Selbstbild, das nicht zu ihnen passt. “Ich bin halt anstrengend.” “Ich bin zu sensibel.” “Ich bin chaotisch.” Alles davon spürt sich falsch an, aber sie können nicht benennen, was richtig wäre.
Das jahrelange Funktionieren - bis es kracht
Was ich besonders oft erlebe in der Begleitung: Diese Menschen funktionieren bis Mitte oder Ende 30, manchmal länger. Sie machen Karriere, ziehen Kinder auf, halten Beziehungen, sehen nach außen souverän aus. Und dann passiert etwas - eine Trennung, eine schwere Phase, eine berufliche Veränderung, eine Erkrankung der Eltern - und das ganze System bricht zusammen.
Plötzlich geht nichts mehr. Konzentration weg, Schlaf weg, emotionale Reserve weg, Belastbarkeit weg. Sie selbst verstehen es nicht. “Ich habe doch jahrelang alles geschafft, warum geht es jetzt nicht mehr?”
Die Antwort ist hart, aber wichtig: Sie haben es nicht “geschafft”. Sie haben es kompensiert. Mit Disziplin, Maske, Wille, Kaffee, Listen, Strukturen, Anpassung. Das ist über Jahre möglich, aber es kostet. Und irgendwann hat das System die Reserven aufgebraucht.
Wenn du dich hier wiederfindest: Du bist nicht zusammengebrochen, weil du schwach bist. Du bist zusammengebrochen, weil du jahrelang ein Nervensystem getragen hast, das eigentlich andere Bedingungen gebraucht hätte. Das ist eine ehrliche, klare Bestandsaufnahme. Keine Schwäche.
Was es trotzdem schön macht
Ich möchte nicht, dass du diesen Beitrag liest und denkst: Toll, jetzt habe ich auch noch zwei Probleme statt einem. Denn das ist nicht die ganze Geschichte.
Menschen mit ADHS und HSP zusammen sind oft die kreativsten, originellsten und tiefsten Menschen, die ich kenne. Sie sehen Muster, die anderen entgehen. Sie verstehen Menschen, ohne dass etwas gesagt wird. Sie machen Verbindungen zwischen Themen, die völlig unterschiedlich scheinen. Sie sind die, die im Gespräch plötzlich den Satz sagen, nach dem du jahrelang gesucht hast.
Das ist kein Bonus, der das Leiden ausgleicht. Es ist dieselbe Verschaltung, die das Leiden produziert. Du leidest, weil du so wahrnimmst. Und du nimmst so wahr, weil dein System feiner und schneller und tiefer arbeitet als die meisten.
Das ist keine Krankheit. Das ist eine Ausstattung, die in der falschen Umgebung wehtut.
Was wirklich hilft
Ich kann hier keine Therapie ersetzen. Aber ich kann dir sagen, was ich aus der Begleitung von vielen Menschen mit dieser Konstellation sehe.
Rhythmus statt Routine. Routine setzt voraus, dass du jeden Tag gleich funktionierst. Tust du nicht. Du brauchst Phasen mit Stimulation - Sport, kreative Arbeit, Gespräche, Bewegung - und Phasen mit echter Stille. Beides muss bewusst geplant werden. Nicht im Sinne von “ich muss meditieren”, sondern im Sinne von “heute ist mein Körper schon zu viel, heute mache ich nichts Neues mehr”.
Das Nervensystem regulieren, nicht das Verhalten korrigieren. Du kannst nicht weg-trainieren, dass du beides bist. Du kannst dein Nervensystem beruhigen. Das geht über den Körper. Massage, langsame Bewegung, Atemarbeit, bewusste Berührung. Über den Kopf alleine erreichst du dieses System nicht. Über den Körper schon.
Und genau hier muss ich als Masseurin ehrlich sein: Für viele hochsensible Menschen ist ausgerechnet Berührung das Schwierigste. Eine Massage, die anderen einfach guttut, kann sich für ein hochsensibles System schnell nach zu viel anfühlen - zu fest, zu schnell, zu nah. Manche meiden Körperarbeit jahrelang, weil sie ahnen, dass sie nicht einfach abschalten und sich fallen lassen können. Das ist kein Widerspruch zu dem, was ich gerade geschrieben habe. Es heißt nur: Berührung muss anders gedacht werden.
Denn richtig gemacht ist Berührung einer der direktesten Wege, deinem Nervensystem Sicherheit zu signalisieren - genau das, was dein Vagusnerv braucht, um aus dem Daueralarm herauszufinden. Das passiert nicht über Worte, sondern über das Gefühl: Hier ist es ruhig, hier passiert nichts Unvorhersehbares, hier darf ich loslassen.
So arbeite ich mit hochsensiblen Menschen anders als sonst. Wir reden vorher in Ruhe darüber, was zu viel ist - wo du nicht berührt werden möchtest, wie es dir mit Druck, Geräuschen und Düften geht. Du bekommst ein Stopp-Wort, und die Kontrolle bleibt die ganze Zeit bei dir. Ich nehme Reize aus dem Raum: gedämpftes Licht, wenig oder keine Musik, angenehme Wärme, kaum intensive Öle. Und ich werde langsam und vorhersehbar - ein ruhiger Beginn, gleichmäßige Striche, keine plötzlichen Wechsel. Gerade am Anfang sage ich an, was als Nächstes kommt, damit dein System nicht ständig auf der Hut sein muss.
Der Druck ist dabei nicht tief und bearbeitend, sondern ruhig und haltend. Oft sind es einfach liegende, ruhende Hände, die ein überreiztes System mehr beruhigen als kräftiges Kneten. Wir beginnen dort, wo es sich sicher anfühlt, und es darf still sein - du musst nicht reden und nichts leisten. Und weil dein System alles tief verarbeitet, gehört das Danach genauso dazu: kein Aufspringen, kein Zurück-in-den-Tag-Hetzen, sondern ein paar ruhige Minuten zum Nachkommen.
Das ist auch der Punkt, an dem Körperarbeit und Coaching ineinandergreifen. Im Coaching verstehst du, was in dir passiert, und findest Wege für deinen Alltag. Auf der Liege erlebt dein Nervensystem, dass Reize auch sicher sein können - eine Erfahrung, an die Worte allein oft nicht herankommen. Das eine ist Einsicht, das andere ist gefühlte Sicherheit. Zusammen lernt dein System mit der Zeit, dass es sich nicht mehr pausenlos schützen muss.
Sich nicht für eine Seite entscheiden müssen. Du brauchst Stimulation. Und du brauchst Schutz vor Stimulation. Beides ist wahr. Wer dir sagt, du müsstest dich entscheiden, hat dich nicht verstanden.
Begleitung von jemandem, der das Phänomen kennt. Das ist das Schwierigste. Die meisten Coaches und Therapeuten kennen die Kombination nicht. Wenn du jemanden findest, der sie kennt, hast du Gold gefunden.
In meinem Studio in Traunstein arbeite ich mit vielen Menschen aus dieser Gruppe. Die Körperarbeit ist oft der erste echte Zugang - weil sie keine Diagnose-Sprache braucht, sondern direkt am Nervensystem ansetzt. Wer hier liegt und endlich für eine Stunde nichts musste, weiß meist sofort, was er zwanzig Jahre gesucht hat.
Bald gibt es einen Ort dafür
Was ich dir an dieser Stelle noch sagen will, weil es passt: Ich baue gerade an einem zweiten Projekt, das genau für diese Themen da ist. StillWachsen soll ein Raum werden für Coaching bei Persönlichkeitsthemen wie ADHS, Hochsensibilität, Borderline und der Erfahrung mit Narzissmus im Umfeld. Es ist noch nicht ganz fertig, aber bald.
Wenn du dich angesprochen fühlst und mit dem, was hier steht, tiefer arbeiten möchtest - melde dich bei mir, ich nehme dich gerne mit auf den Weg, sobald wir starten. Das hier auf sarahedelmann.com bleibt mein Studio für Massage und Körperarbeit. StillWachsen wird der Ort fürs Coaching.
Du fühlst dich erkannt?
Wenn dieser Beitrag dich an deine eigene Erfahrung erinnert, dann gib dir Zeit. Du musst nicht sofort etwas tun. Aber du darfst aufhören zu glauben, dass du falsch funktionierst. Wenn du sprechen möchtest oder einen Termin in meinem Studio brauchst, um endlich mal wieder durchzuatmen, melde dich gerne:
Meine Zusammenfassung
ADHS und Hochsensibilität zusammen sind keine Doppel-Diagnose. Sie sind eine besondere Art, in der Welt zu sein - mit zwei Nervensystem-Eigenheiten, die in eine Richtung ziehen und in die andere gleichzeitig.
Im Kern:
- Du suchst Reize, weil dein Belohnungssystem schwach feuert - und du leidest unter Reizen, weil dein Nervensystem alles tief verarbeitet. Beides gleichzeitig, echt, neurologisch.
- Diese Konstellation wird kaum erkannt, weil beide Seiten sich tarnen und Hochsensibilität in der Schulmedizin keinen Platz hat.
- Diese Menschen funktionieren oft jahrzehntelang, weil sie früh gelernt haben zu maskieren - bis das System die Reserven verbraucht hat.
- Das Geschenk und das Leiden sind dieselbe Verschaltung. Du leidest, weil du so wahrnimmst. Und du nimmst so wahr, weil du so verschaltet bist.
- Hilfreich ist: bewusste Rhythmen, Körperarbeit, ein Mensch, der dich versteht - und der Verzicht darauf, sich für eine der beiden Seiten entscheiden zu müssen.
Wenn du dich hier wiederfindest: Du bist nicht zu viel und nicht zu wenig. Du bist beides. Und das darf einen Platz haben.
Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an einen Arzt, Heilpraktiker oder approbierten Therapeuten.
Häufige Fragen
Kann man ADHS und Hochsensibilität gleichzeitig haben?
Ja, und es ist häufiger als die meisten denken. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa jeder dritte Mensch mit ADHS auch deutliche Merkmale von Hochsensibilität trägt. Das wird klinisch kaum erfasst, weil Hochsensibilität keine Diagnose ist, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal. Wer beides hat, lebt in einem inneren Widerspruch: Das Nervensystem braucht ständig neue Reize, weil sonst Leere und Unruhe entsteht (ADHS), und gleichzeitig wird jede Reizmenge zu viel, weil alles tief und intensiv verarbeitet wird (HSP). Beides zusammen führt oft zu einem Gefühl von Zerrissenheit, das schwer zu beschreiben ist - und das viele Menschen jahrzehntelang allein tragen, weil ihnen niemand sagt, dass es einen Namen dafür gibt.
Warum erkennen Therapeuten ADHS und HSP zusammen oft nicht?
Weil sich die beiden gegenseitig tarnen. ADHS bringt Sprunghaftigkeit, Reizsuche, Impulsivität - klassische Diagnose-Indikatoren. Hochsensibilität bringt Empathie, Ruhebedürfnis, Tiefe - das passt nicht ins ADHS-Bild. Wer beides hat, wirkt für viele Diagnostiker uneindeutig: 'Ist das jetzt ADHS oder bist du nur überlastet?' Häufig wird nur eines der beiden gesehen, das andere wird übersehen. Dazu kommt: Menschen mit dieser Kombination haben oft früh gelernt zu funktionieren. Sie maskieren nach außen sehr gut und reden auch in der Diagnose-Situation noch souverän - obwohl innerlich Chaos herrscht.
Wie äußert sich der innere Widerspruch von ADHS und HSP im Alltag?
Du suchst dir ein lautes Konzert aus, weil du Stimulation brauchst - und musst nach einer halben Stunde gehen, weil dein System überflutet ist. Du startest fünf Projekte gleichzeitig, weil dich nichts lange genug fesselt - und brichst zusammen, weil dich die offenen Stränge emotional auffressen. Du suchst tiefe Gespräche - und merkst, dass du gleichzeitig gedanklich schon wieder woanders bist. Du brauchst Bewegung - und reagierst nach dem Sport zwei Tage erschöpft. Es ist dieses 'Ich brauche mehr und ich kann nicht mehr' gleichzeitig. Das ist nicht launisch, das ist neurologisch real.
Wieso fühlen sich diese Menschen oft so erschöpft?
Weil zwei gegensätzliche Systeme parallel arbeiten und beide Energie ziehen. Das ADHS-Gehirn sucht ständig nach neuen Reizen, weil die Belohnungs-Chemie schwach feuert. Das HSP-Nervensystem verarbeitet jede Wahrnehmung tief und gründlich. Wenn du beides hast, verbrauchst du beim Reize-Suchen schon Energie, und das tiefe Verarbeiten danach kostet nochmal so viel. Dazu kommt das Maskieren: nach außen funktionieren, innerlich Chaos managen. Diese Menschen wirken oft hochleistungsfähig - und brechen dann in einer ganz normalen Woche zusammen, ohne offensichtlichen Grund.
Was hilft, wenn man beides hat?
Erstens: aufhören, sich für eines der beiden zu entscheiden. Du musst nicht 'mehr HSP werden' oder 'das ADHS in den Griff bekommen'. Du musst lernen, dein Nervensystem so zu führen, dass beide Seiten Raum bekommen. Zweitens: bewusste Rhythmen statt Pflicht-Routinen. Phasen mit Stimulation (Sport, kreative Arbeit, Gespräche) und Phasen mit echter Stille (Natur, Schlaf, Rückzug) bewusst abwechseln. Drittens: Körperarbeit, die das Nervensystem reguliert - Massage, langsame Bewegung, Atemarbeit. Viertens: ein Mensch, der das versteht und mit dir an deinem Alltag arbeitet. Therapeut oder Coach, je nachdem wo du gerade stehst.
Können Medikamente helfen?
Manchmal ja. ADHS-Medikamente wie Methylphenidat oder Lisdexamfetamin können die Reizsuche dämpfen, was bei der Kombination mit HSP tatsächlich entlasten kann - das System ist dann weniger getrieben. Aber: Hochsensibilität wird durch ADHS-Medikamente nicht behandelt. Die tiefe Wahrnehmung bleibt. Manche Menschen merken, dass sie unter Medikation zwar fokussierter sind, aber emotional flacher werden - das ist für Hochsensible oft kein guter Tausch. Mein Eindruck aus der Begleitung: Medikament kann ein Werkzeug sein, aber selten die Antwort. Wer beides hat, profitiert meist mehr von einem regulierten Alltag, Coaching und Körperarbeit als von einer Tablette.
Warum sind diese Menschen oft so kreativ und gleichzeitig so leidend?
Weil dieselbe Verschaltung, die das Leiden produziert, auch das Geschenk produziert. Das ADHS-Gehirn verknüpft ungewöhnlich, springt zwischen Themen, sieht Muster, die andere übersehen. Das HSP-Nervensystem nimmt feinste Stimmungen wahr, versteht Menschen intuitiv, geht in jede Erfahrung tief hinein. Beides zusammen ergibt Menschen, die kreativ, empathisch und originell sind - und genau deshalb leiden, weil die Welt für so viel Wahrnehmung nicht gemacht ist. Es ist kein Fehler, dass du so bist. Es ist eine Ausstattung, die in der falschen Umgebung wehtut.