Warum waren früher alle schlank? Was die 1970er uns verraten
Schau dir mal ein beliebiges Foto aus den 1970er Jahren an. Ein voller Strand im August, eine Schulkantine, eine Einkaufsstraße am Samstagnachmittag. Was fällt dir auf? Praktisch niemand ist dick. Nicht nur die Sportler, nicht nur die jungen Leute. Alle. Die Mütter, die Väter, die Großeltern, die Kinder. Eine ganze Bevölkerung, die Hamburger aß, Cola trank, sonntags im Auto saß und trotzdem schlank war.
In den USA waren 1970 etwa 14 Prozent der Erwachsenen adipös. Heute sind es 42 Prozent. Eine Verdreifachung in fünfzig Jahren. In Deutschland sieht es nicht ganz so dramatisch aus, aber die Adipositas-Rate hat sich seit den 70ern verdoppelt, von rund 13 auf 19 Prozent (Robert Koch-Institut, GEDA 2019/2020). Wenn man Übergewicht insgesamt einbezieht, sind heute mehr als die Hälfte der deutschen Erwachsenen betroffen.
Die Standard-Erklärung lautet: zu wenig Disziplin, zu wenig Sport. Wer das ernsthaft glaubt, hat nicht hingeschaut. Die Menschen in den 70ern hatten weder Fitnessstudio-Mitgliedschaften noch Kalorienzähler. Sie aßen Weißbrot, Butter, Schweinebraten und Eis, gingen in McDonalds, tranken Coca-Cola. Und blieben schlank. Was sich verändert hat, ist nicht der Mensch, sondern die Welt um ihn herum.
Was 1970 anders war: das Essen
In den 1970ern kam Abendessen aus der Küche, nicht aus dem Drive-thru und nicht aus der Tiefkühltruhe. Eine Frau (es war fast immer die Frau, das ist die andere Geschichte dieser Zeit) stand jeden Abend am Herd. Montag Hackbraten, Mittwoch Schweinebraten, Sonntag Brathähnchen, das am Montag zur Suppe und am Dienstag zum Sandwich wurde. Nichts wurde weggeworfen. Jedes Essen war darauf ausgelegt, eine Zutat möglichst weit zu strecken.
Diese Art zu kochen schuf eine natürliche Portionskontrolle. Man aß, was auf dem Teller lag. Wenn der Teller leer war, war Abendessen vorbei. Niemand fuhr um Mitternacht zu McDonalds, niemand bestellte eine zweite Pizza. Es gab keine zweite Pizza. Die Küche war geschlossen.
Heute ist die Küche nie geschlossen. Lieferdienste haben rund um die Uhr offen, der Kühlschrank ist voll mit fertigen Snacks, die Tankstelle nebenan verkauft alles, was du um halb zwei nachts noch brauchen könntest. Die unsichtbare Grenze, die ganze Generationen schlank gehalten hat, ist verschwunden, und kaum einer hat es bemerkt.
Die Portionen sind explodiert, nicht die Menschen
Eine kleine Coca-Cola hatte bei McDonalds 1955 etwa 200 Milliliter. Heute hat die große Variante 887 Milliliter. Der Original-Hamburger wog 45 Gramm, der Quarter Pounder bringt 113 Gramm Patty auf die Waage, vor dem Braten gewogen. Ein Standard-Teller in den 70ern war 9 Zoll groß, heute sind 12 Zoll normal. Das ist 40 Prozent mehr Fläche, jeden einzelnen Tag, seit fünfzig Jahren.
Niemand hat sich morgens hingesetzt und beschlossen, übergewichtig zu werden. Die Welt hat einfach immer mehr auf den Teller gelegt. Und das menschliche Gehirn, seit hunderttausenden Jahren darauf trainiert, das Vorhandene aufzuessen, hat brav mitgemacht.
Das ist keine Spekulation. Der Anstieg der Standardportionen über die Jahrzehnte ist gut dokumentiert. Wir sind nicht hungriger geworden. Die Welt ist großzügiger geworden, in einer Weise, die uns krank macht.
Drei Mahlzeiten, sonst nichts
In den 1970ern gab es drei Mahlzeiten am Tag. Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Punkt. Kein zweites Frühstück, keine Müsliriegel um vier Uhr nachmittags, kein Knabbern vor dem Fernseher um elf. Wenn ein Kind zwischendurch Hunger hatte, hörte es vier Worte, die jede westliche Mutter kannte: "Warte bis zum Abendessen."
Und das Kind wartete, weil es nichts zu essen gab. Die Vorratskammer war keine Snackbar. Im Kühlschrank standen Milch, Eier, Butter, ein Stück Käse, Reste vom Vortag. Keine vierzehn verschiedenen Joghurts, keine Tütchen-Snacks, keine Fertig-Pudding-Becher. Es gab Essen für Mahlzeiten, nicht Essen gegen Langeweile.
Heute isst oder trinkt der durchschnittliche Erwachsene laut einer Studie von Gill und Panda (Cell Metabolism, 2015) in einem Fenster von mehr als 15 Stunden täglich, mit Eßepisoden im Schnitt alle zweieinhalb bis drei Stunden. Das ist keine Hunger-Reaktion mehr, das ist Gewohnheit. Und diese Gewohnheit existierte 1970 nicht.
Bewegung war keine Entscheidung, sondern Alltag
In den 1970ern gingen Kinder nach der Schule raus und kamen erst zurück, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand hat das organisiert. Kein Elternteil fuhr sie zum Training. Sie sind einfach raus. Fahrrad gefahren bis Sonnenuntergang, Buden gebaut, auf Bäume geklettert, Räuber-und-Gendarm gespielt, mit dreckigen Knien nach Hause gekommen.
In den USA gingen 1969 etwa 48 Prozent der Schulkinder zu Fuß oder mit dem Rad zur Schule, heute sind es noch 10 bis 13 Prozent (US Department of Transportation). In Deutschland steht es etwas besser, da geht laut "Mobilität in Deutschland" 2017 noch knapp die Hälfte der Grundschüler aktiv zur Schule, aber die Tendenz ist auch hier sinkend.
Diese Kinder sind nicht ins Fitnessstudio gegangen. Sie haben einfach gelebt. Bewegung war die Standardeinstellung, weil die Alternative (stundenlang vor einem Bildschirm sitzen) noch nicht erfunden war. Diese tägliche, beiläufige Bewegung verbrennt im Lauf einer Woche tausende Kalorien, ohne dass jemand davon redet.
Auch Erwachsene bewegten sich anders. Mehr körperliche Berufe, weniger Auto, weniger Aufzug. Eine Studie von Church et al. (PLoS ONE, 2011) hat ausgerechnet, dass der durchschnittliche US-Berufstätige seit 1960 etwa 100 Kilokalorien weniger pro Tag bei der Arbeit verbrennt, einfach weil sich die Berufsstruktur verändert hat. Hundert Kilokalorien klingen nach wenig. Sind aber, summiert über 40 Jahre, ziemlich genau die Kalorien, die zu zehn Kilo Gewichtszunahme führen.
Der unsichtbare Mitspieler: die ultra-verarbeiteten Lebensmittel
Bis hierhin könnte man denken: Es ist alles eine Frage von Kalorien rein, Kalorien raus. Ist es aber nicht. Da gibt es noch eine Dimension, die in den 1970ern fast nicht existierte und heute mehr als die Hälfte unserer Kalorien ausmacht: ultra-verarbeitete Lebensmittel.
Damit meine ich nicht "etwas verarbeitet" wie Brot oder Käse. Ich meine das, was in der NOVA-Klassifikation des brasilianischen Forschers Carlos Monteiro als Gruppe 4 bezeichnet wird: industrielle Formulierungen mit Zusatzstoffen, Aromen, Emulgatoren, Texturmodifikatoren, die du in deiner eigenen Küche niemals nachbauen könntest. Tütensuppe, Frühstücksflocken mit Vitaminzusatz, Margarine, Fertigpizza, Energy-Drinks, Müsliriegel, viele Joghurts, fast alle Backwaren aus der Discounter-Theke.
Kevin Hall, Forscher am National Institutes of Health, hat 2019 eine Studie publiziert (Cell Metabolism), die alles veränderte. Er sperrte 20 Probanden für vier Wochen in eine Stoffwechselstation, eine Hälfte aß zwei Wochen lang ultra-verarbeitete Kost, die andere Hälfte unverarbeitete Lebensmittel. Beide Diäten waren so abgestimmt, dass sie nominell die gleichen Nährstoffe und gleich viele Kalorien zur Verfügung stellten. Die Probanden durften essen, soviel sie wollten.
Das Ergebnis: Bei der ultra-verarbeiteten Kost aßen sie freiwillig 508 Kilokalorien mehr pro Tag und nahmen in zwei Wochen knapp ein Kilo zu. Bei der unverarbeiteten Kost nahmen sie ein Kilo ab. Die Kalorien sind nicht das einzige, was zählt. Die Verarbeitungstiefe ist es auch.
Mechanismen sind inzwischen gut beschrieben. Verarbeitete Lebensmittel werden im Schnitt 50 Prozent schneller gegessen, sodass das Sättigungssignal zu spät kommt. Sie sind hyperpalatabel, also unnatürlich schmackhaft durch Fett-Zucker-Salz-Kombinationen, die in der Natur nicht vorkommen. Und sie verändern die Darmflora durch Emulgatoren wie Polysorbat 80, was die Aufnahme weiter dysreguliert (Chassaing et al., Nature, 2015).
Cui bono: Wer hat von all dem profitiert?
Ich bin keine Verschwörungstheoretikerin. Aber ich nenne die Dinge gerne beim Namen. Diese Veränderungen sind nicht über Nacht passiert, sie sind auch nicht zufällig. Sie sind das Ergebnis von Industrieinteressen, die sich konsequent durchgesetzt haben.
Der hochfruktose Maissirup, der ab den frühen 1970ern in fast jedes amerikanische Lebensmittel wanderte, war das billigste Süßungsmittel der Welt, weil die US-Farm-Bills Mais subventionierten. Die Lebensmittelindustrie hat dafür gesorgt, dass es auch wirklich verwendet wurde. David Wallerstein, ein McDonalds-Manager, hat in den 70ern den "Supersize"-Trick erfunden, weil er gemerkt hat: Menschen kaufen sich nicht zwei Getränke, aber wenn man ihnen ein größeres anbietet, nehmen sie es. Das ist nicht Marketing-Folklore, das ist in Eric Schlossers "Fast Food Nation" gut belegt.
Und dann ist da die Sache mit dem Zucker und den Studien. Cristin Kearns und Stanton Glantz von der UCSF haben 2016 in JAMA Internal Medicine interne Dokumente der Sugar Research Foundation veröffentlicht, die belegen, dass die Zuckerindustrie in den 1960ern Forscher in Harvard bezahlt hat, damit Fett (statt Zucker) als Hauptursache von Herzkrankheiten hingestellt wurde. Eine Generation lang hat sich die Ernährungsempfehlung an dieser bezahlten Forschung orientiert. Wir haben Fett gemieden und Zucker gegessen, in der ehrlichen Überzeugung, das Richtige zu tun.
Das war nicht Naivität, das war eine bewusste, finanzierte Täuschung. Und sie wirkt bis heute nach.
Was der Körper über alles weiß
In meinem Studio sehe ich Menschen mit Verspannungen, die ich nicht löse, indem ich nur an den Schultern arbeite. Eine Klientin kam letztens mit chronischen Beschwerden im unteren Rücken, die seit zwei Jahren niemand wegbekam. Im Gespräch stellte sich heraus, sie isst zwischen sieben und einundzwanzig Uhr alle zwei Stunden etwas Kleines, schläft schlecht, sitzt zwölf Stunden am Tag. Ihr Bindegewebe ist ständig unter Spannung, ihr Verdauungssystem hat keine Pause, ihr Nervensystem ist im Dauer-Modus.
Das ist kein Massage-Problem im engeren Sinn. Es ist ein Lebensstil-Problem, das sich am Körper zeigt. Massage hilft, das Symptom zu lindern, aber die Ursache liegt anderswo. Wenn jemand seinen Körper nicht mehr ruhen lässt, kann auch keine Behandlung der Welt einen dauerhaften Effekt haben.
Was übrigens spannend ist und in vielen Diskussionen zum Thema Übergewicht untergeht: Stress und Cortisol spielen eine direkte Rolle bei der Einlagerung von Bauchfett. Eine Untersuchung von Elissa Epel und Kollegen (Psychosomatic Medicine, 2000) zeigte, dass Frauen mit hoher Cortisol-Reaktivität auf Stress signifikant mehr viszerales Fett ansetzen, unabhängig von ihrer Kalorienaufnahme. Schlafmangel verschiebt Hunger- und Sättigungshormone in eine ungünstige Richtung, sodass übermüdete Menschen automatisch mehr essen, vor allem mehr Süßes (Spiegel et al., Annals of Internal Medicine, 2004).
Was sich davon zurückholen lässt
Ich glaube nicht an Diäten. Diäten sind das Symptom der Welt, die uns krank macht. Was wirkt, ist anders zu leben, nicht weniger zu essen.
Ein paar konkrete Punkte aus dem, was die 1970er uns vormachen:
- Selbst kochen, möglichst oft. Es muss nicht aufwendig sein, einfach reicht. Kartoffeln, Gemüse, ein Stück Fleisch oder Fisch oder Hülsenfrüchte. Wer kocht, isst weniger ultra-verarbeitete Produkte, ganz automatisch.
- Mahlzeiten klar voneinander trennen. Drei Mahlzeiten, vielleicht eine kleine Zwischenmahlzeit, dann ist die Küche zu. Das ist kein Verzicht, das ist Ordnung. Der Körper darf zwischendurch hungrig sein, das ist normal und sogar gesund.
- Kleinere Teller benutzen. Das klingt banal, ist aber empirisch belegt. Wir essen mit den Augen.
- Bewegung in den Alltag legen. Es geht nicht ums bewusste Sport-Machen. Es sind die kleinen Dinge: einen Bus früher aussteigen, Treppen statt Aufzug, telefonieren im Gehen, beim Zähneputzen auf einem Bein stehen. Hundert Kalorien hier, hundert Kalorien da, summieren sich.
- Stress ernst nehmen. Cortisol macht dick, nicht weil du faul bist, sondern weil deine Biologie es so vorsieht. Massage, Atemarbeit, Schlaf, Pausen, all das ist Stoffwechsel-Pflege und nicht bloß nette Wellness.
- Wasser trinken statt Süßes. Eine deutsche Schulstudie von Muckelbauer et al. (Pediatrics, 2009) zeigte, dass das einfache Aufstellen von Wasserspendern in Schulen die Übergewichtsrate signifikant senkte. Wasser ist die einfachste, billigste und am meisten unterschätzte Maßnahme überhaupt.
Verwandte Themen, die hier mitspielen, habe ich teils schon ausführlich beschrieben. Wer wissen will, was wirklich in einem Big Mac steckt, findet das im Beitrag über McDonalds. Wer den gesellschaftlichen Hintergrund interessiert, dem sei der Zweiteiler über Generationen im Wandel empfohlen. Und wer den direkten Zusammenhang zwischen Stoffwechsel und Darmflora verstehen will, hier zur Lektüre über den Darm als zweites Gehirn.
Eine Welt, die nichts mehr will als deine Aufmerksamkeit
Was die 1970er von heute unterscheidet, ist im Kern das hier: Damals musste man sich anstrengen, um zuzunehmen. Heute muss man sich anstrengen, um schlank zu bleiben. Die Standardeinstellung hat sich umgedreht.
Das ist die unbequeme Wahrheit hinter all den Diät-Trends, Selbstoptimierungs-Apps und Fitness-Versprechen. Es geht nicht darum, dass die Menschen schwächer geworden sind. Es geht darum, dass die Umgebung systematisch darauf optimiert wurde, dass wir mehr essen, weniger bewegen, ständig konsumieren. Wer das einsieht, hört auf, sich selbst dafür zu beschuldigen, in einer kranken Welt nicht gesund zu sein.
Und fängt vielleicht an, kleine Stücke der alten Welt in seinen Alltag zurückzuholen. Nicht aus Nostalgie, einfach aus Selbstschutz, weil die alte Welt gesünder eingerichtet war.
Wenn du das Gefühl hast, gegen deinen eigenen Körper zu kämpfen:
Manchmal hilft es, mit jemandem zu sprechen, der dir keinen weiteren Plan verkaufen will und stattdessen mit dir gemeinsam hinschaut, was in deinem Alltag tatsächlich anders sein dürfte. In meiner Studio in Traunstein verbinde ich Coaching mit Körperarbeit, denn beides hängt zusammen.
Meine Zusammenfassung
Die Menschen in den 1970ern waren nicht disziplinierter als wir. Sie lebten in einer Welt, in der Disziplin gar nicht nötig war, weil die Standardeinstellung gesund war. Kleine Portionen, drei Mahlzeiten, hausgemachtes Essen, Bewegung im Alltag, kaum verarbeitete Produkte. Das Ergebnis: ein Drittel weniger Adipositas, fast keine schwere Adipositas, und das ohne ein einziges Fitnessstudio.
Was sich verändert hat, ist die Umwelt, in der dieser Mensch lebt. Und diese Umwelt ist nicht zufällig entstanden. Sie ist das Resultat industrieller Interessen, die in den letzten fünfzig Jahren sehr konsequent ihren Weg gemacht haben, oft mit Wissenschaft, die später als gekauft entlarvt wurde.
Ich finde es wichtig, das auszusprechen, weil es viele Menschen entlastet, die seit Jahren mit ihrem Gewicht ringen und glauben, es liege an ihnen. Es liegt nicht an dir. Es liegt am System. Und das einzige, was du dagegen tun kannst, ist, dir Stück für Stück eine kleinere, ehrlichere Welt zurückzubauen. Die wirkt nämlich, wie sie schon einmal gewirkt hat.
Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an einen Arzt, Heilpraktiker oder approbierten Therapeuten.
Häufige Fragen
Warum waren in den 1970ern weniger Menschen übergewichtig?
Mehrere Faktoren wirkten zusammen. Die Adipositas-Rate in den USA lag damals bei rund 14 Prozent, heute bei 42 Prozent. Menschen kochten zu Hause, aßen drei Mahlzeiten ohne Snacks dazwischen, hatten kleinere Portionen (eine Cola hatte 200 ml statt 880 ml), bewegten sich im Alltag deutlich mehr und konsumierten kaum hyperverarbeitete Lebensmittel. Es ging dabei weniger um Disziplin als um eine andere Lebensumgebung, in der Disziplin gar nicht nötig war.
Wie haben sich die Portionsgrößen seit 1970 verändert?
Drastisch. Eine kleine Coca-Cola bei McDonalds maß 1955 etwa 200 Milliliter, heute hat die große Variante 887 Milliliter, also mehr als das Vierfache. Der Original-Hamburger wog 45 Gramm, der Quarter Pounder bringt 113 Gramm Patty auf die Waage. Standard-Teller wuchsen von 9 auf 12 Zoll Durchmesser. Die Portionen wurden über Jahrzehnte unmerklich größer, und das menschliche Gehirn isst, was vor ihm steht.
Welche Rolle spielen ultra-verarbeitete Lebensmittel beim Übergewicht?
Eine entscheidende. Die kontrollierte Studie von Kevin Hall am NIH (Cell Metabolism, 2019) zeigte, dass Probanden bei einer Diät aus ultra-verarbeiteten Lebensmitteln freiwillig 508 Kilokalorien mehr pro Tag aßen als bei unverarbeiteter Kost, obwohl beide Diäten nominell gleich viele Nährstoffe enthielten. Nach zwei Wochen hatten sie ein knappes Kilo zugenommen. Verarbeitete Produkte täuschen das Sättigungssystem, werden schneller gegessen und stören die Darmflora.
Spielt Bewegung im Alltag wirklich so eine große Rolle?
Ja, und sie wird massiv unterschätzt. James Levine von der Mayo Clinic prägte den Begriff NEAT, Non-Exercise Activity Thermogenesis, also alle Bewegung außerhalb von Sport. Levines Forschung zeigt, dass die NEAT-Werte zwischen Personen um bis zu 2000 Kilokalorien pro Tag schwanken können. Eine Studie von Church et al. (PLoS ONE, 2011) belegte, dass sich der berufliche Energieverbrauch in den USA seit 1960 um etwa 100 Kilokalorien pro Tag reduziert hat, allein durch Wechsel von körperlicher Arbeit zu Bürotätigkeit.
Was hat Stress mit Übergewicht zu tun?
Mehr als die meisten denken. Chronischer Stress hält den Cortisolspiegel hoch, und Cortisol fördert Heißhunger auf zucker- und fettreiche Speisen sowie die Einlagerung von viszeralem Bauchfett. Eine Studie von Epel et al. (Psychosomatic Medicine, 2000) zeigte, dass Frauen mit hoher Cortisol-Reaktivität signifikant mehr Bauchfett ansetzen. Auch Schlafmangel erhöht das Adipositas-Risiko über Hormonverschiebungen bei Leptin und Ghrelin (Spiegel et al., Annals of Internal Medicine, 2004).
Was lässt sich konkret aus den 1970ern für heute lernen?
Vier praktische Punkte: Erstens wieder mehr selbst kochen statt verarbeitet zu kaufen. Zweitens Mahlzeiten klar voneinander trennen und das Snacken zwischendurch reduzieren. Drittens kleinere Teller verwenden, weil das Gehirn die Portion an der visuellen Größe misst. Viertens Bewegung in den Alltag zurückholen, also zu Fuß gehen statt fahren, Treppen statt Aufzug. Es geht dabei nicht um Verzicht, eher um eine andere Architektur des Tages.
Ist die Adipositas-Entwicklung in Deutschland genauso dramatisch wie in den USA?
Weniger dramatisch, aber deutlich. Das Robert Koch-Institut dokumentiert in der DEGS-Studie und der GEDA-Erhebung, dass etwa 19 Prozent der Erwachsenen in Deutschland adipös sind und 54 Prozent übergewichtig oder adipös. In den 1970ern lag die Adipositas-Rate noch bei 11 bis 16 Prozent. Eine Verdoppelung in einer Generation, ohne dass die Mehrheit es als gesellschaftliches Ereignis wahrnimmt.